Kann ich mir vertrauen?

Diese Reflektion mit Pferden basiert auf der Heldenreise mit Pferden nach Ulrike Dietmann.

Eine Heldenreise mit Pferden beginnt immer mit dem Menschen, der ich in meiner Welt bin. Diese Welt ist mir bekannt und stellt meine Komfortzone dar. Sicherheit ist der wichtigste Faktor, der mich in dieser Welt hält.  Aber etwas in mir drängt mich, diese überschaubare Welt zu verlassen. Eine Ahnung, dass es mir an Lebendigkeit fehlt, an Freude, an Spaß am Leben. Ich möchte das alles kennenlernen und schon bin ich mitten drin - in meiner Reise, zusammen mit meinen Pferden und Hunden.

Schritt 1:   Wer bin ich?

Wir alle haben eine Schatten- und eine Lichtseite. Die Schattenseite allerdings schauen wir uns nicht so gerne an, obwohl gerade diese uns zu verborgenen Qualitäten und Fähigkeiten führen kann. Um zu sehen, wer ich gerade bin, wähle ich den Zugang über intuitiv gezogene Karten, die Archetypen darstellen.

Als erstes ziehe ich den Geizhals als Schattenseite. Ein Gesell mit Mantel und Hut. Zusammengezogen, mißtrauisch um sich schauend. Immer Angst habend etwas zu verlieren. Seine Fähigkeiten und Qualitäten nicht zeigend. In der Beschreibung der Karte finde ich Folgendes: Lass nicht deine Angst dein Leben bestimmen! Es ist Zeit, all die versteckten oder offenkundigen Selbstbilder des Geizhalses loszulassen oder du wirst nie aufhören dich selbst niederzumachen.

Volltreffer!

Als ich mit dem Karte des Geizhalses vor Ginger stehe, will sie mich freundlich begrüßen. Ich aber kann mich nicht öffnen. Auf dem Bild entdecke ich in diesem Moment wie unangenehm diese Seite an mir ist.

Die zweite Karte, der Berseker,  ist meine Lichtseite. Ein starker Mann mit einem schwarzen Pferd. Ein Bild, das viel Wildheit, Kraft und Freiheit ausstrahlt. In der Beschreibung ist es ein Archetyp, der sich von der Alltagsebene der Existenz verwandelt, um eine wilde Frau zu werden. Spontan habe ich bei den Pferden den Impuls auf Nougat zu reiten. Gerade ich, die ich mich auf Nougat nicht sicher fühle. Aber jetzt fühlt sich das einfach nur toll an. Ohne alles auf Nougats breitem Rücken, einfach wunderbar.

Schritt 2:    Der Ruf

Nach dem ich nun weiß wer ich am Anfang meiner Reise bin, gehe ich der Stimme auf den Grund, die zwar leise, aber doch ziemlich ausdauernd mich auffordert mich in Bewegung zu setzen. Was könnte es sein, das mich zu einem Abenteuer mit unbekanntem Ausgang drängt?

In einer Meditation begegne ich als Amazone, die einsam und stets kampfbereit im Urwald ums Überleben kämpft, Nougat. In dem Moment unserer Begegnung löst sie sich aus ihrer Herde, um zu mir zu kommen. Mit unglaublich sanften Augen, in denen ich mich verliere, sagt sie zu mir: "Da bist du  ja endlich!" Eine tiefe Sehnsucht erfasst mich. Genau an diesem Ort, den ich jetzt in mir entdecke, möchte ich immer sein.

Spontan kommt Arwen zu mir und zeigt mir, wie schön es für sie ist, wenn ich eine solch sanfte Energie ausstrahle.

Schließlich gesellt sich auch Bärli dazu und ich versinke in dieser gemeinsamen Zeit der innigen Verbindung.

Schritt 3:   Die Blockade

Wenn es keine Heldenreise wäre, dann könnte ich hier schon Schluß machen, so wunderbar ist alleine der Ruf.  Aber - ein solcher Ruf ist selten etwas völlig Spontanes. Oft ist dieser schon sehr alt und er kommt nicht alleine daher.

Etwas tief in mir weiß zwar, dass der Ruf eine Sehnsucht ist, ein Bedürnis, etwas zutiefst Ehrliches. Warum aber bin ich bisher dieser Sehnsucht nicht gefolgt? Nun, es gibt Gründe, deren lang zurück liegende Ursache zu einer Wunde geführt hat, die mich jetzt noch blockiert.

Die Aufgabe ist, eine Verbindung mit den Pferden einzugehen. Ich gehe umher, versuche es, aber es funktioniert nicht. Was bei Arwen und Bärli so mühelos klappte, geht nicht. Meine Pferde fressen und kümmern sich nicht um mich.

Ich spüre in mir einen Widerstand, der nicht wirklich benennbar, aber einfach da ist. Es ist dieser Widerstand, der mich schließlich dazu bringt, aufzugeben und mich frustriert zurück lässt.

Schritt 4:   Das Ziel

Während der Ruf eine Sehnsucht ist, die tief in mir brennt und eher vage ist, bringt mich der nächste Schritt dazu, dem Ruf Taten folgen zu lassen. Ein Ziel, konkret und klar gibt mir eine Richtung vor, in die ich gehen kann und hilft mir, mich aus meiner Frustration und Erstarrung heraus zu bewegen.

Ich entscheide mich, dem Widerstand in mir nicht auszuweichen. Er darf einfach da sein, unkommentiert, unreflektiert, unaufgelöst.  Er sitzt quasi "nur" sichtbar auf dem Tisch.

Plötzlich merke ich, wie der Widerstand seine Wichtigkeit verliert und ich die Sanftheit und Verbindung in mir selbst spüren kann. Obwohl Flicka weiterhin frißt, fühle ich unsere stille Verbundenheit.

Schritt 5:   Die Verstrickungen

Wenn ich mich auf dieser Reise aus meiner gewohnten Welt herausbewege, dann tue ich das nicht im luftleeren Raum. Diese Reise hat auch immer Auswirkungen auf meine Umwelt. Es begegnen mir nun Menschen, die mich fördern, aber es gibt auch Menschen, die verhindern wollen, dass ich mich verändere. Und so wie das im Außen passiert, passiert es auch im Innern. Mein konditioniertes Selbst, enstanden aus Erfahrungen, Verwundungen und Anpassungen will keine Veränderungen. Mein authentisches Selbst dagegen jubiliert.

Obwohl ich gerade diese wunderbare Verbundenheit gefühlt und gelebt habe, hadere ich jetzt wieder.

* Es muss gehen, dann, wann ICH es "will".

* Die Pferde "respektieren mich nicht", weil ich zu schwach bin.

* Ich "kann" das soundso "nicht".

* Ich "muss" das doch hinkriegen, verdammt!

* Ich habe keine Idee, was ich nun "machen soll".

Mein Gedankenkarussell rattert, mein Saboteur setzt mich massiv unter Druck.

Nachdem alles Nachdenken nicht hilft, höre ich auf , auf diese nörgelnde Stimme zu achten und beobachte. Da kommt Arwen zu mir und fordert mich zum spielen auf. Plötzlich erwacht mein Inneres Kind und helle Freude erfasst mich. Wir spielen ausgelassen. Die Verbindung zu mir, zum Hier und Jetzt ist wieder da! Ich erspüre durch diese Übung einen Anteil in mir, der mir sagt, dass es wichtig ist, mit mir im Austausch zu bleiben, gerade dann, wenn eine penetrante Stimme mich verurteilt!

Schritt 6:   Das brennende Herz

Ich bin auf meiner Reise schon weit gekommen. Habe Tiefen und Höhen erlebt. Jetzt komme ich an einen zentralen Punkt. Hier finde ich mein tiefstes Gefühl, meinen höchsten ethischen Wert, meine wichtigste Stärke.

Und hier beginnt es schwierig zu werden, denn nun wechsle ich auf die Ebene der nicht oder nur schwer zu beschreibenden Gefühle. Ein Herzenswunsch und der Body Scan bringen mich dazu, meinen Körper bewusst wahrzunehmen. Denn nur mit dem Körper kann ich Gefühle wirklich fühlen.

Mittlerweile sind alle Pferde in meiner Nähe, ohne dass ich sie dazu auffordern musste. Sie grasen friedlich. Und langsam spüre ich, dass ich, wenn ich mein Herz öffne, immer in Verbindung mit den mich umgebenden Lebewesen bin, auch wenn wir keinen direkten körperlichen Kontakt haben.  Ein Wohlsein, eine Geborgenheit, eine innere Ruhe, ein WIR breitet sich in mir aus. Egal was jetzt um mich herum passiert, ich bin in meiner Mitte.

Schritt 7:   Die Zerreißprobe

Wenn das Herz im vorigen Schritt so laut spricht, dann bleibt der Verstand nicht still und so steuere ich unweigerlich auf die Zerreißprobe zu. In der Zerreißprobe ist das Alte noch da und bietet Bekanntes und Sicherheit, das Neue ist in seiner Tragweite noch nicht überschaubar. Welche Richtung soll ich einschlagen? Für mich ist die Zerreißprobe ein sehr unangenehmer Zustand. Ich habe manchmal tatsächlich das Gefühl innerlich zerrissen zu werden.

In diesem Schritt ist die Aufgabe ein Pferd zu bewegen. Sofort hat mich mein Saboteur im Griff. Die Stimme, die mehrere Argumente parat hält, warum das jetzt nicht klappen wird, ist überlaut. Dementsprechend versuche ich die Pferde mittels erlernten Methoden und Druck zu bewegen. Mit dem Ergebnis, dass sich Flicka überhaupt nicht beeindrucken lässt. Auch die anderen Pferde reagieren auf mein Anliegen nicht.

Schließlich konzentriere ich mich wieder auf mich und die Stimme meines Herzens. Lasse mir Zeit, werde mir meines Körpers und der Gefühle bewußt. Plötzlich spüre ich, dass Flicka bereit ist, sich mit mir zu bewegen. Ich gehe zu ihr und ohne Hilfsmittel und Treiben gehen wir in Eintracht nebeneinander. Alles fühlt sich ganz leicht und partnerschaftlich an.

Schritt 8:   Das Scheitern

Dieses Hin und Her in der Aufgabe "Bewege das Pferd" bringt mich an meine Grenzen. Etwas mit dem Verstand lösen zu wollen, wo nur das Herz Kompetenz besitzt. Etwas mit dem Verstand fühlen zu wollen, womit nur die Herzenergie mitfließen kann. Etwas mit dem Verstand entscheiden zu wollen, wo das Herz schon längst entschieden hat, führt letztendlich dazu zu scheitern. Eine innere Leere erfüllt mich, keine Idee ist mehr zu finden, das altbekannte, immer angewandte Verhaltensmuster bringt mir nichts mehr.

Ich bin daran gescheitert den Gefühlen ausweichen und das Leben kontrollieren zu wollen. In diesem Schritt weiß ich nicht nur, dass meine ewige Selbstverurteilerei schädlich ist, sondern ich fühle es. Ich weiß nicht nur, dass es da eine Stimme in mir gibt, die verhindert, dass ich lebendig bin, sondern ich fühle es.

Schritt 9:   Das Opfer

Bis hierhin war es ein weiter Weg. Das Alte und das Neue sind sichtbar geworden. Die Erkenntnis, dass das Alte nicht mehr förderlich ist, bringt mich an einen Punkt, wo mein ganzer Heldinnenmut gefragt ist. Denn nur wenn ich ein Opfer bringe, etwas Gewohntes, Sicheres oder Eingefahrenes loslasse, kann das Neue wachsen und gedeihen. Dabei ist es egal, ob es sich um ein reales Opfer (z.B. Kündigung eines Jobs) oder um das Loslassen eines inneren Anteils (z.B. Glaubenssatz) handelt.

In Stille zu den Pferden gehen und dabei ein Symbol für das Opfer finden, ist die nächste Aufgabe. Mein Kopf rattert, eine Taubnessel soll es sein, der Grund dafür gut durchdacht.

Denkste, das erste Pferd frißt meine Taubnessel einfach auf. Ich habe kein Opfer mehr, was tun? Da bemerke ich, dass ich nur auf dem rechten Bein fest stehe. Das linke Bein habe ich vorgestellt und mich dabei auf Stöcke gestützt. Was  für ein Zeichen: Die Stöcke als Krücken, die mich hindern auf dem linken Bein (emotionale Seite) zu stehen. Aus einem starken Impuls heraus werfe ich die Krücken weit von mir.

Welche Befreiung!

Schritt 10:   Der Schatz

Mit dem Opfern ist ein Transformationsprozess in Gang gekommen. Das Neue nimmt Einzug in meine Welt. Noch roh und verletzlich, aber spür- und sichtbar. Es gibt kein Zurück mehr. Die Kraft und die Erkenntnis, die ich jetzt gewonnen habe, verändert mein zukünftiges Leben. Meine Freude darüber ist riesengroß.

Jetzt bewohne ich meinen Körper, ich spüre ihn komplett. Wie am Anfang der Reise zieht es mich auf den Rücken von Nougat. Diesmal sitze ich nicht nur einfach drauf, sondern probiere aus wie es ist, sich auch in verletzliche Positionen zu  begeben. Ich turne ohne alles auf Nougat herum und sitze dann einfach mal verkehrt herum. Dabei bin ich achtsam verbunden mit dem was Nougat tut. Und Nougat, die bei meinen Reitversuchen sonst immer etwas nervös reagierte, ist jetzt total gelassen.

Schritt 11:   Der weite Blick

Die Reise ist zu Ende. Zeit zurück zu blicken und sich einen Überblick zu verschaffen. Welche zentrale Erfahrung habe ich gemacht? Was kann ich nach der Reise mitnehmen? Und ganz wichtig: Welche Weisheit, welche Erkenntnis kann ich in meine Welt hinaustragen?

Es hat sich etwas verändert. Ich steige nicht normal von Nougat herab, sondern schwinge mich über ihren Hintern zurück in meine Welt. Ich nehme den Mut mit, Begegnungen, die sonst für mich zu gefährlich oder zumindest nicht für mich machbar scheinen, auszuprobieren.  Das Herz ist die  einzig wahre Verbindung zu allem!  Alle Gefühle haben eine Botschaft, Wissen und Intelligenz können das nicht ersetzen, nur unterstützen.


Was bringt mir das?

Im Laufe dieser Heldenreise mit Pferden sind viele Situationen aufgetaucht, die mich an Begebenheiten aus meinem Leben erinnern. So neige ich dazu mich ständig selbst zu verurteilen und dann Wissen, Gewohntes oder reine Technik abzurufen oder gar ganz abzutauchen. Etwas was mich unauthentisch werden lässt. Ich kann dann manchmal sehr hart mir selbst oder anderen gegenüber werden. Zu "erkennen" wann ich mich selbst verurteile und das "Gefühl des Austausches mit mir" als Gegenmaßnahme, in mir bewußt zu haben, hilft mir nun aus diesen unschönen Situationen schneller heraus zu kommen.

Wir befinden uns also während dieser Reise nicht rein in einem Phantasieland, einem Film oder einem Märchen. Im Gegenteil, wir schauen auf echte Situationen, nur aus einem anderen Blickwinkel heraus. Wir können spielerisch neue Lösungen ausprobieren, mutig sein, uns Zeit geben, wo wir sonst keine zu haben glauben. Wir können aufhören zu denken, zu analysieren und zu strukturieren. Wir können erkennen, dass es Lösungen außerhalb unseres Verstandes gibt. Wir können verschiedene Wege ausprobieren. Wir können unsere emotionale Flexibilität trainieren. All das haben wir dann als Tools zur Verfügung.

Manchmal krempelt so eine Heldenreise mit Pferden unser ganzes Leben um, manchmal hilft es uns einfach nur, uns selbst so zu akzeptieren wie wir sind und die Schönheit zu entdecken in der wir leben.

Und letztendlich zeigt die Heldenreise mit Pferden uns, dass Lebendigkeit nichts mit Party for ever oder "Ich muss Tun, damit ich Sein darf," zu tun hat.